Dienstag, 5. Oktober 2010

Magersucht im Fitnessstudio - was tun?

[Ein kleiner Artikel, den ich für das shape up-Magazin verfasst habe.]

Im Studio ist sie jeden Tag anzutreffen – stundenlang auf dem Stepper oder dem Crosstrainer. Dünn, blass, in schlabberigen Sportklamotten. Als Trainer hat man das unbestimmte Gefühl: Da stimmt etwas nicht. So richtig gesund sieht sie nicht aus, in der Umkleide wird gemunkelt sie sei magersüchtig.

Aber was kann, was muss ein Trainer oder Studiomitarbeiter tun, wenn ihm so ein Fall unterkommt? Sie auf ihr Erscheinungsbild, ihr Verhalten ansprechen? Und was, wenn sie gar nicht magersüchtig ist und sich beleidigt fühlt? Also doch lieber ruhig bleiben – sie wird ja schon wissen, was sie tut? Rein rechtlich gesehen ist die Sachlage klar "Wenn es Indizien für eine Erkrankung gibt, sind Sie verpflichtet, nachzufragen", sagt Thomas Summerer, Spezialist für Sportrecht und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht im Deutschen Anwaltverein. Bleibt der Trainer trotz offensichtlicher Anzeichen tatenlos, erfüllt er rechtlich gesehen nicht die erforderliche Sorgfaltspflicht. "Und der Sorgfaltsmaßstab ist in diesem Falle sehr streng." Muss dann tatsächlich der Arzt gerufen werden, kann der Trainer für entstehende Arzt- oder Krankenhauskosten in Regress genommen werden.

Refit Kamberovic, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) verfolgt eine ähnlich klare Linie. Denn grundsätzlich stehe die Gesundheit der Mitglieder an oberster Stelle – auch im Zweifelsfall. Die moralische Verantwortung, eine magersüchtige Person trainieren zu lassen, könne man als Trainer auf keinen Fall übernehmen. "Das Risiko ist viel zu hoch." Im Zweifelsfall müsse eben ein Arzt konsultiert werden, um zu klären, ob die Person trainieren darf. "Ich würde da nicht zögern", so Kamberovic. "Und wenn der Arzt grünes Licht gibt, ist das okay."

Ähnlich sieht es Ulrich Voderholzer, ärztlicher Direktor der Schön-Klinik Roseneck, die unter anderem auf Essstörungen spezialisiert ist. "Es kann eine ärztliche Bescheinigung verlangt werden, in der die Unbedenklichkeit bestätigt wird." Ist das nicht der Fall, liegt es im Ermessen des Studiobetreibers, entsprechend zu handeln – und das Mitglied notfalls auch vom Sport auszuschließen. "Bei offensichtlich kritischem körperlichen Zustand und völliger Überanstrengung kann es sinnvoll sein, die Sorge zu unterstreichen und mit einem Hausverbot zu belegen", so Voderholzer. Und Kamberovic fügt hinzu: "Wenn das Mitglied dann trotz gesundheitlicher Risiken auf seinen Vertrag besteht, muss es eben klagen."

Soweit sollte es natürlich gar nicht erst kommen – dafür aber muss das Problem "Magersucht" erst einmal erkannt werden. Generell sei dafür eine umfassende allgemeinärztliche Untersuchung sowie eine therapeutische Diagnose notwendig, sagt Voderholzer. "Natürlich können das Körpergewicht, das Ausmaß des Untergewichtes und das Essverhalten deutliche Hinweise geben, aber auch der Bewegungsdrang, das Überengagement in einem Fitness-Studio und die Überschreitung von Grenzen sind Hinweise für eine mögliche Essstörung, die bereits manifest ist oder sich entwickelt."

Grundsätzlich ist eine Magersucht (Anorexia nervosa) sicherlich einfacher zu entdecken, als eine Essstörung wie etwa Ess-Brech-Sucht (Bulimie) – schon alleine aufgrund des Erscheinungsbildes der betroffenen Person. "Wir befürworten Fitnessstudios, die vor Beginn eines Trainings eine Gesundheitsuntersuchung machen und den Gewichtsstatus erheben", sagt daher Kathrin Wagner von der Kasseler Beratungsstelle Kabera e.V. "Fällt der Body Mass Index auf einen Wert unter 17,5, halten wir es für dringend notwendig, den Betreffenden auf sein Untergewicht aufmerksam zu machen." Wer dann immer noch darauf beharrt, er müsse abnehmen, um seine vermeintliche Traumfigur zu erreichen, sollte von den Trainern zumindest scharf im Auge behalten werden.

Weitere Anzeichen, die begleitend zu einem deutlichen Untergewicht auftreten können, sind "eine auffällig erhöhte Reizbarkeit, depressive Verstimmungen oder Stimmungsschwankungen, großes Interesse an der Nahrungszufuhr und den Ernährungsgewohnheiten anderer oder Schwindelgefühle und Gleichgewichtsstörungen", zählt Melanie Rottmann auf, Sozialpädagogin beim Hamburger Beratungs- und Therapiezentrum "Die Brücke e.V." Dazu neigen die Betroffenen zum Perfektionismus, tragen häufig weite Kleidung, um ihr tatsächliches Gewicht zu kaschieren und äußern auffällig oft, dass sie "zu dick" seien.

Erhärtet sich damit der Verdacht, ist es ratsam, das Gespräch zu suchen – und zwar auf möglichst sensible Art und Weise. Das heißt zuallererst: Nicht vor versammelten Kursteilnehmern oder bei Hochbetrieb an der Rezeption, sondern unter vier Augen und in neutraler Atmosphäre. Es gilt: Kurz beschreiben, was man als Trainer beobachtet hat, ohne dabei zu werten oder gar Vorwürfe zu erheben. "Denn Sie müssen damit rechnen, dass Betroffene eine mögliche Erkrankung weit von sich weisen und sich ungerecht angesprochen fühlen", sagt Ulrich Voderholzer. "Deshalb sollte besonders darauf geachtet werden, dass die Rückmeldung sachlich, konkret, objektiv und wohlwollend erfolgt." Tabu seien Tipps zu Verhaltensänderungen oder gar Laiendiagnosen, wie Melanie Rottmann betont. "Denn es ist ein Gespräch zwischen Trainer und Kunde, und nicht zwischen Therapeut und Klient."

Melanie Rottmann empfiehlt außerdem: "Es ist unbedingt ratsam, dass sich Trainer bei einem Verdacht auf eine Essstörung an eine Beratungsstelle wenden. Dort können sie den Fall anonymisiert vorstellen und sich über weitere Schritte informieren." Und auch vor Ort im Club müssen Entscheidungen getroffen werden. Erscheine der Betroffene etwa schon geschwächt zum Training, so dass ein Zusammenbruch befürchtet werden müsse, solle umgehend ein Arzt hinzugezogen werden. "Wenn die Betroffenen auch das verweigern kann in Akutsituationen der Sozialpsychiatrische Dienst tätig werden."

Viele Fälle könnten auch schon im Vorwege gestoppt werden: Die Beratungsstellen empfehlen, entsprechende Informationsbroschüren auszulegen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Potentiell Betroffene lesen diese dann meist unbeobachtet durch. Und auch die Studios müssen Verantwortung übernehmen. Das Propagieren übertriebener Schönheits- und vor allem Schlankheitsideale ist zwar en vogue, der Gesundheit aber eher abträglich.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen