Trainer sollten eigentlich immer Antworten auf die Fragen haben, die von Mitgliedern gestellt werden. Am besten natürlich eine eindeutige "Ja"- oder "Nein"-Antwort. Leider (oder: interessanterweise) ist es in unserem Beruf so, dass es in der Mehrzahl der Fälle eher auf ein "Kommt darauf an" hinausläuft, gefolgt von einer Erklärung, warum es auf was ankommt.
Besonders deutlich wurde mir das wieder einmal vor Augen geführt, als ein Kunde an mich herantrat, um zu fragen, warum er denn bitteschön den Lat-Zug vor der Brust ausführen sollte, während andere Kunden die Stange in den Nacken zogen. Da ich ihm den Trainingsplan geschrieben und auch die Benutzung des Lat-Zuges erläutert hatte, musste ich natürlich mein Bestes daran setzen, ihm zu erklären, warum ich glaubte, dass in seinem Fall die Stange doch lieber vor dem Körper bleiben solle.
Was die Übung betrifft gibt es zwei Lager: Die "Vor-dem-Körper"-Fraktion, und die "In-den-Nacken"-Fraktion, wobei erstere vor allem argumentiert, dass beim Zug in den Nacken die Schultergelenke (insbesondere die vordere Gelenkkapsel) einer unnatürlich hohen und damit langfristig schädlichen Belastung ausgesetzt sei. Darüber hinaus haben elektromyographische Messungen nach Signorile et al. (2002) ergeben, dass die Zugvariante vor dem Körper mit breitem Griff eine eindeutig höhere neuromuskuläre Aktivität des Latissimus dorsi zeitigt, mithin effizienter ist als andere Varianten (enger Griff, Zug hinter dem Kopf).
Eine andere Studie (Pugh, 2003) kommt zu dem Schluss, dass eine größere Aktivität nur für die exzentrische Phase der Bewegung nachweisbar ist, während in der konzentrischen Phase keine signifikanten Unterschiede erkennbar gewesen seien. Darüber hinaus unterscheidet Pugh im Gegensatz zu Signorile et al. noch einen unteren und einen oberen Anteil des Latissimus, die ebenfalls unterschiedliche Aktivität anzeigen. So ist seinen Ergebnisse zufolge der untere Latissimus während des Frontzuges aktiver, für den oberen Anteil ist es dagegen egal, ob vor oder hinter dem Kopf gezogen wird.
Wir halten also fest: Nichts genaues weiß man nicht. (Die Synergisten lassen wir mal außen vor.) Pugh jedenfalls schließt mit den für uns wichtigen Erkenntnissen:
"Both exercises can be effectively used to train the lower latissimus dorsi [...]"
und
"ER [external rotation; in der Schulter] was not significantly greater during rear lat pull-down"
sowie
"HABD [horizontal abduction; in der Schulter] was significantly greater during front lat pull-down"
Das sagt lediglich etwas über das Bewegungsverhalten aus, nicht aber über die langfristigen Folgen. Leider weiß ich auch von keiner Studie, die sich mit der tatsächlichen Problematik der Schulterkompression befasst, also reale Problemfälle analysiert und Fallzahlen vergleicht. Falls jemand einen Tipp hat — bitte melden.
Wir wissen also lediglich, dass der Latissimus beim Frontzug effektiv trainiert wird. Und genau deshalb empfehle ich Neukunden immer diese Variante: Weil ich damit automatisch auf Nummer Sicher gehe.
Dienstag, 19. Oktober 2010
Montag, 18. Oktober 2010
Technik: Ausfallschritte
Ausfallschritte sind eine der besten Übungen um gleichzeitig Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewichtsgefühl aufzubauen. Gerade Anfänger aber haben häufig das Problem, dass sie
a) sehr viel Gewicht auf das vordere Bein bringen und sich dort hauptsächlich mit dem Ballen abstützen;
b) gleichzeitig den Oberkörper nach vorne beugen, um das vordere Bein wieder zu entlasten.
Diese Tendenz ist bei vielen meiner Kunden nur sehr schwierig auszumerzen. Wenn ich nicht ständig darauf achte und sie immer wieder darauf hinweise, fallen sie meist nach ein oder zwei korrekten Wiederholungen wieder in dieses Muster hinein. Auch ich selber bemerke das häufig bei mir.
Ich glaube, die Ursache dieses Problems liegt drin, wie man das Ziel der Übung definiert. Denn wie erwähnt gehen die meisten Menschen automatisch davon aus, dass das vordere Bein mehr Gewicht tragen muss/soll.
Woraus sich die Frage ergibt: Warum?
Ehrlich gesagt, kann ich dazu jetzt keine wissenschaftliche Antwort formulieren oder zitieren. Aber ich sehe keinen Grund, warum das hintere Bein weniger Arbeit leisten sollte als das vordere. Im Gegenteil: Da ich mich mit dem hinteren Bein nur auf den Zehen abstütze, wird das Gleichgewicht stärker gefordert, je mehr Gewicht ich auf den Fuß verlagere.
Um die Übung also so anzuleiten, dass der Kunde sie korrekt ausführen kann, bin ich dazu übergegangen, nicht einfach zu sagen:
"Geh in die Knie."
Stattdessen sage ich:
"Bring das hintere Knie zum Boden."
Meistens ergibt sich daraus dann eine Bewegung, die das hintere Knie tatsächlich fast senkrecht nach unten führt, wobei das Becken ebenfalls senkrecht absinkt. Der Effekt: Das vordere Knie wird automatisch nur um etwa 90° gebeugt, der Oberkörper bleibt aufrecht.
a) sehr viel Gewicht auf das vordere Bein bringen und sich dort hauptsächlich mit dem Ballen abstützen;
b) gleichzeitig den Oberkörper nach vorne beugen, um das vordere Bein wieder zu entlasten.
Diese Tendenz ist bei vielen meiner Kunden nur sehr schwierig auszumerzen. Wenn ich nicht ständig darauf achte und sie immer wieder darauf hinweise, fallen sie meist nach ein oder zwei korrekten Wiederholungen wieder in dieses Muster hinein. Auch ich selber bemerke das häufig bei mir.
Ich glaube, die Ursache dieses Problems liegt drin, wie man das Ziel der Übung definiert. Denn wie erwähnt gehen die meisten Menschen automatisch davon aus, dass das vordere Bein mehr Gewicht tragen muss/soll.
Woraus sich die Frage ergibt: Warum?
Ehrlich gesagt, kann ich dazu jetzt keine wissenschaftliche Antwort formulieren oder zitieren. Aber ich sehe keinen Grund, warum das hintere Bein weniger Arbeit leisten sollte als das vordere. Im Gegenteil: Da ich mich mit dem hinteren Bein nur auf den Zehen abstütze, wird das Gleichgewicht stärker gefordert, je mehr Gewicht ich auf den Fuß verlagere.
Um die Übung also so anzuleiten, dass der Kunde sie korrekt ausführen kann, bin ich dazu übergegangen, nicht einfach zu sagen:
"Geh in die Knie."
Stattdessen sage ich:
"Bring das hintere Knie zum Boden."
Meistens ergibt sich daraus dann eine Bewegung, die das hintere Knie tatsächlich fast senkrecht nach unten führt, wobei das Becken ebenfalls senkrecht absinkt. Der Effekt: Das vordere Knie wird automatisch nur um etwa 90° gebeugt, der Oberkörper bleibt aufrecht.
Dienstag, 5. Oktober 2010
Magersucht im Fitnessstudio - was tun?
[Ein kleiner Artikel, den ich für das shape up-Magazin verfasst habe.]
Im Studio ist sie jeden Tag anzutreffen – stundenlang auf dem Stepper oder dem Crosstrainer. Dünn, blass, in schlabberigen Sportklamotten. Als Trainer hat man das unbestimmte Gefühl: Da stimmt etwas nicht. So richtig gesund sieht sie nicht aus, in der Umkleide wird gemunkelt sie sei magersüchtig.
Aber was kann, was muss ein Trainer oder Studiomitarbeiter tun, wenn ihm so ein Fall unterkommt? Sie auf ihr Erscheinungsbild, ihr Verhalten ansprechen? Und was, wenn sie gar nicht magersüchtig ist und sich beleidigt fühlt? Also doch lieber ruhig bleiben – sie wird ja schon wissen, was sie tut? Rein rechtlich gesehen ist die Sachlage klar "Wenn es Indizien für eine Erkrankung gibt, sind Sie verpflichtet, nachzufragen", sagt Thomas Summerer, Spezialist für Sportrecht und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht im Deutschen Anwaltverein. Bleibt der Trainer trotz offensichtlicher Anzeichen tatenlos, erfüllt er rechtlich gesehen nicht die erforderliche Sorgfaltspflicht. "Und der Sorgfaltsmaßstab ist in diesem Falle sehr streng." Muss dann tatsächlich der Arzt gerufen werden, kann der Trainer für entstehende Arzt- oder Krankenhauskosten in Regress genommen werden.
Refit Kamberovic, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) verfolgt eine ähnlich klare Linie. Denn grundsätzlich stehe die Gesundheit der Mitglieder an oberster Stelle – auch im Zweifelsfall. Die moralische Verantwortung, eine magersüchtige Person trainieren zu lassen, könne man als Trainer auf keinen Fall übernehmen. "Das Risiko ist viel zu hoch." Im Zweifelsfall müsse eben ein Arzt konsultiert werden, um zu klären, ob die Person trainieren darf. "Ich würde da nicht zögern", so Kamberovic. "Und wenn der Arzt grünes Licht gibt, ist das okay."
Ähnlich sieht es Ulrich Voderholzer, ärztlicher Direktor der Schön-Klinik Roseneck, die unter anderem auf Essstörungen spezialisiert ist. "Es kann eine ärztliche Bescheinigung verlangt werden, in der die Unbedenklichkeit bestätigt wird." Ist das nicht der Fall, liegt es im Ermessen des Studiobetreibers, entsprechend zu handeln – und das Mitglied notfalls auch vom Sport auszuschließen. "Bei offensichtlich kritischem körperlichen Zustand und völliger Überanstrengung kann es sinnvoll sein, die Sorge zu unterstreichen und mit einem Hausverbot zu belegen", so Voderholzer. Und Kamberovic fügt hinzu: "Wenn das Mitglied dann trotz gesundheitlicher Risiken auf seinen Vertrag besteht, muss es eben klagen."
Soweit sollte es natürlich gar nicht erst kommen – dafür aber muss das Problem "Magersucht" erst einmal erkannt werden. Generell sei dafür eine umfassende allgemeinärztliche Untersuchung sowie eine therapeutische Diagnose notwendig, sagt Voderholzer. "Natürlich können das Körpergewicht, das Ausmaß des Untergewichtes und das Essverhalten deutliche Hinweise geben, aber auch der Bewegungsdrang, das Überengagement in einem Fitness-Studio und die Überschreitung von Grenzen sind Hinweise für eine mögliche Essstörung, die bereits manifest ist oder sich entwickelt."
Grundsätzlich ist eine Magersucht (Anorexia nervosa) sicherlich einfacher zu entdecken, als eine Essstörung wie etwa Ess-Brech-Sucht (Bulimie) – schon alleine aufgrund des Erscheinungsbildes der betroffenen Person. "Wir befürworten Fitnessstudios, die vor Beginn eines Trainings eine Gesundheitsuntersuchung machen und den Gewichtsstatus erheben", sagt daher Kathrin Wagner von der Kasseler Beratungsstelle Kabera e.V. "Fällt der Body Mass Index auf einen Wert unter 17,5, halten wir es für dringend notwendig, den Betreffenden auf sein Untergewicht aufmerksam zu machen." Wer dann immer noch darauf beharrt, er müsse abnehmen, um seine vermeintliche Traumfigur zu erreichen, sollte von den Trainern zumindest scharf im Auge behalten werden.
Weitere Anzeichen, die begleitend zu einem deutlichen Untergewicht auftreten können, sind "eine auffällig erhöhte Reizbarkeit, depressive Verstimmungen oder Stimmungsschwankungen, großes Interesse an der Nahrungszufuhr und den Ernährungsgewohnheiten anderer oder Schwindelgefühle und Gleichgewichtsstörungen", zählt Melanie Rottmann auf, Sozialpädagogin beim Hamburger Beratungs- und Therapiezentrum "Die Brücke e.V." Dazu neigen die Betroffenen zum Perfektionismus, tragen häufig weite Kleidung, um ihr tatsächliches Gewicht zu kaschieren und äußern auffällig oft, dass sie "zu dick" seien.
Erhärtet sich damit der Verdacht, ist es ratsam, das Gespräch zu suchen – und zwar auf möglichst sensible Art und Weise. Das heißt zuallererst: Nicht vor versammelten Kursteilnehmern oder bei Hochbetrieb an der Rezeption, sondern unter vier Augen und in neutraler Atmosphäre. Es gilt: Kurz beschreiben, was man als Trainer beobachtet hat, ohne dabei zu werten oder gar Vorwürfe zu erheben. "Denn Sie müssen damit rechnen, dass Betroffene eine mögliche Erkrankung weit von sich weisen und sich ungerecht angesprochen fühlen", sagt Ulrich Voderholzer. "Deshalb sollte besonders darauf geachtet werden, dass die Rückmeldung sachlich, konkret, objektiv und wohlwollend erfolgt." Tabu seien Tipps zu Verhaltensänderungen oder gar Laiendiagnosen, wie Melanie Rottmann betont. "Denn es ist ein Gespräch zwischen Trainer und Kunde, und nicht zwischen Therapeut und Klient."
Melanie Rottmann empfiehlt außerdem: "Es ist unbedingt ratsam, dass sich Trainer bei einem Verdacht auf eine Essstörung an eine Beratungsstelle wenden. Dort können sie den Fall anonymisiert vorstellen und sich über weitere Schritte informieren." Und auch vor Ort im Club müssen Entscheidungen getroffen werden. Erscheine der Betroffene etwa schon geschwächt zum Training, so dass ein Zusammenbruch befürchtet werden müsse, solle umgehend ein Arzt hinzugezogen werden. "Wenn die Betroffenen auch das verweigern kann in Akutsituationen der Sozialpsychiatrische Dienst tätig werden."
Viele Fälle könnten auch schon im Vorwege gestoppt werden: Die Beratungsstellen empfehlen, entsprechende Informationsbroschüren auszulegen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Potentiell Betroffene lesen diese dann meist unbeobachtet durch. Und auch die Studios müssen Verantwortung übernehmen. Das Propagieren übertriebener Schönheits- und vor allem Schlankheitsideale ist zwar en vogue, der Gesundheit aber eher abträglich.
Im Studio ist sie jeden Tag anzutreffen – stundenlang auf dem Stepper oder dem Crosstrainer. Dünn, blass, in schlabberigen Sportklamotten. Als Trainer hat man das unbestimmte Gefühl: Da stimmt etwas nicht. So richtig gesund sieht sie nicht aus, in der Umkleide wird gemunkelt sie sei magersüchtig.
Aber was kann, was muss ein Trainer oder Studiomitarbeiter tun, wenn ihm so ein Fall unterkommt? Sie auf ihr Erscheinungsbild, ihr Verhalten ansprechen? Und was, wenn sie gar nicht magersüchtig ist und sich beleidigt fühlt? Also doch lieber ruhig bleiben – sie wird ja schon wissen, was sie tut? Rein rechtlich gesehen ist die Sachlage klar "Wenn es Indizien für eine Erkrankung gibt, sind Sie verpflichtet, nachzufragen", sagt Thomas Summerer, Spezialist für Sportrecht und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht im Deutschen Anwaltverein. Bleibt der Trainer trotz offensichtlicher Anzeichen tatenlos, erfüllt er rechtlich gesehen nicht die erforderliche Sorgfaltspflicht. "Und der Sorgfaltsmaßstab ist in diesem Falle sehr streng." Muss dann tatsächlich der Arzt gerufen werden, kann der Trainer für entstehende Arzt- oder Krankenhauskosten in Regress genommen werden.
Refit Kamberovic, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) verfolgt eine ähnlich klare Linie. Denn grundsätzlich stehe die Gesundheit der Mitglieder an oberster Stelle – auch im Zweifelsfall. Die moralische Verantwortung, eine magersüchtige Person trainieren zu lassen, könne man als Trainer auf keinen Fall übernehmen. "Das Risiko ist viel zu hoch." Im Zweifelsfall müsse eben ein Arzt konsultiert werden, um zu klären, ob die Person trainieren darf. "Ich würde da nicht zögern", so Kamberovic. "Und wenn der Arzt grünes Licht gibt, ist das okay."
Ähnlich sieht es Ulrich Voderholzer, ärztlicher Direktor der Schön-Klinik Roseneck, die unter anderem auf Essstörungen spezialisiert ist. "Es kann eine ärztliche Bescheinigung verlangt werden, in der die Unbedenklichkeit bestätigt wird." Ist das nicht der Fall, liegt es im Ermessen des Studiobetreibers, entsprechend zu handeln – und das Mitglied notfalls auch vom Sport auszuschließen. "Bei offensichtlich kritischem körperlichen Zustand und völliger Überanstrengung kann es sinnvoll sein, die Sorge zu unterstreichen und mit einem Hausverbot zu belegen", so Voderholzer. Und Kamberovic fügt hinzu: "Wenn das Mitglied dann trotz gesundheitlicher Risiken auf seinen Vertrag besteht, muss es eben klagen."
Soweit sollte es natürlich gar nicht erst kommen – dafür aber muss das Problem "Magersucht" erst einmal erkannt werden. Generell sei dafür eine umfassende allgemeinärztliche Untersuchung sowie eine therapeutische Diagnose notwendig, sagt Voderholzer. "Natürlich können das Körpergewicht, das Ausmaß des Untergewichtes und das Essverhalten deutliche Hinweise geben, aber auch der Bewegungsdrang, das Überengagement in einem Fitness-Studio und die Überschreitung von Grenzen sind Hinweise für eine mögliche Essstörung, die bereits manifest ist oder sich entwickelt."
Grundsätzlich ist eine Magersucht (Anorexia nervosa) sicherlich einfacher zu entdecken, als eine Essstörung wie etwa Ess-Brech-Sucht (Bulimie) – schon alleine aufgrund des Erscheinungsbildes der betroffenen Person. "Wir befürworten Fitnessstudios, die vor Beginn eines Trainings eine Gesundheitsuntersuchung machen und den Gewichtsstatus erheben", sagt daher Kathrin Wagner von der Kasseler Beratungsstelle Kabera e.V. "Fällt der Body Mass Index auf einen Wert unter 17,5, halten wir es für dringend notwendig, den Betreffenden auf sein Untergewicht aufmerksam zu machen." Wer dann immer noch darauf beharrt, er müsse abnehmen, um seine vermeintliche Traumfigur zu erreichen, sollte von den Trainern zumindest scharf im Auge behalten werden.
Weitere Anzeichen, die begleitend zu einem deutlichen Untergewicht auftreten können, sind "eine auffällig erhöhte Reizbarkeit, depressive Verstimmungen oder Stimmungsschwankungen, großes Interesse an der Nahrungszufuhr und den Ernährungsgewohnheiten anderer oder Schwindelgefühle und Gleichgewichtsstörungen", zählt Melanie Rottmann auf, Sozialpädagogin beim Hamburger Beratungs- und Therapiezentrum "Die Brücke e.V." Dazu neigen die Betroffenen zum Perfektionismus, tragen häufig weite Kleidung, um ihr tatsächliches Gewicht zu kaschieren und äußern auffällig oft, dass sie "zu dick" seien.
Erhärtet sich damit der Verdacht, ist es ratsam, das Gespräch zu suchen – und zwar auf möglichst sensible Art und Weise. Das heißt zuallererst: Nicht vor versammelten Kursteilnehmern oder bei Hochbetrieb an der Rezeption, sondern unter vier Augen und in neutraler Atmosphäre. Es gilt: Kurz beschreiben, was man als Trainer beobachtet hat, ohne dabei zu werten oder gar Vorwürfe zu erheben. "Denn Sie müssen damit rechnen, dass Betroffene eine mögliche Erkrankung weit von sich weisen und sich ungerecht angesprochen fühlen", sagt Ulrich Voderholzer. "Deshalb sollte besonders darauf geachtet werden, dass die Rückmeldung sachlich, konkret, objektiv und wohlwollend erfolgt." Tabu seien Tipps zu Verhaltensänderungen oder gar Laiendiagnosen, wie Melanie Rottmann betont. "Denn es ist ein Gespräch zwischen Trainer und Kunde, und nicht zwischen Therapeut und Klient."
Melanie Rottmann empfiehlt außerdem: "Es ist unbedingt ratsam, dass sich Trainer bei einem Verdacht auf eine Essstörung an eine Beratungsstelle wenden. Dort können sie den Fall anonymisiert vorstellen und sich über weitere Schritte informieren." Und auch vor Ort im Club müssen Entscheidungen getroffen werden. Erscheine der Betroffene etwa schon geschwächt zum Training, so dass ein Zusammenbruch befürchtet werden müsse, solle umgehend ein Arzt hinzugezogen werden. "Wenn die Betroffenen auch das verweigern kann in Akutsituationen der Sozialpsychiatrische Dienst tätig werden."
Viele Fälle könnten auch schon im Vorwege gestoppt werden: Die Beratungsstellen empfehlen, entsprechende Informationsbroschüren auszulegen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Potentiell Betroffene lesen diese dann meist unbeobachtet durch. Und auch die Studios müssen Verantwortung übernehmen. Das Propagieren übertriebener Schönheits- und vor allem Schlankheitsideale ist zwar en vogue, der Gesundheit aber eher abträglich.
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